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Texte - Reportagen - Kurzgeschichten


unveröffentlicht

Mein Malen

Gemalt habe ich schon immer gerne. Als kleines Kind: Motorik, die ich anderswo nicht ausleben konnte, durfte. Für schöne Bilder gab's ein bißchen Anerkennung, Wärme. Die Freunde, die ich nicht hatte, die Abenteuer, die ich nicht erlebte, malte ich mir auf's Papier, erfand tolle Geschichten in Anlehnung an die Kinderbücher, die ich gerade gelesen hatte.
Mit zwölf aus der religiösen Sektenwelt der Mutter ausgebrochen, den eigenen Weg gesucht zwischen 68-er Ausläufen und Hippie-Sumpf. Pubertäre Umbrüche, Sehnsüchte, psychedelisches Chaos folgten, der Traum, eine große Künstlerin zu werden. Erste HBK-Bewerbung (1977) abgelehnt. Mit 19 Mutter geworden, Beziehungschoas, Kifferszene.
Während eines Kurzurlaubs einen Skizzenblock vollgemalt mit kleinen 'Foto'-Bildchen: ich in verschiedenen mehr oder weniger unvergeßlichen Situationen, bedrückende wie schöne, Verarbeitung und Erinnerung zugleich. Das erste größere Bild war die 'fröhliche' Kiffer- und Drogi-Szene vor dem "Golem", der Szenetreffpunkt. Im Vordergrund ich, Bernd und Bernd. Beweggrund, das Bild zu malen: eine Liebesaffaire, die sich verschlüsselt artikulierte. Auch: all die schrägen Vögel, die allabendlich auf der Szene abhingen, zu verewigen oder durch den Kakao zu ziehen.
Lernte neue Leute kennen, sehnsüchtig-unglückliche Liebe. Viele der durchkifften Nächte, Begegnungen und Abenteuerchen erschienen mir so einzigartig, daß ich eine Zeitlang täglich 'Tagebuch'-Bilder malte.
Wäre eine Zeitlang gerne Karrikatur- oder Comiczeichnerin geworden. Die 'Tagebuch'-Bilder entstanden alle im Nachhinein, meistens am Tag darauf oder einige Tage später zuhause.
1978 dann doch die HBK-Aufnahmeprüfung bestanden, das Studium 'Freie Kunst' dann aber nicht intensiv betrieben. Punk und politische Bewegungen waren spannender. 'Mit dem alten System brechen' schien die Alternative zur Entfremdung zu sein. Dabei sein, mitkämpfen und organisieren, Häuser besetzen, gegen alle möglichen Schweinereien demonstrieren.
Zu der persönlichen Empfindung der Einzigartigkeit jedes intensiv erlebten Moments kam so die kulturelle bzw. politische. Ein besonderer Aufbruch, der die Gesellschaft verändert, kleine Siege gegen das System. Einige Bilder suchten den Übergang zum AgitProp.
Irgendwann waren viele Themen vorläufig ausgeschöpft, wiederholten sich. So wurden die 'Fotos' seltener und wieder privater. Stationen der Liebe, Stationen eigener Entwicklungsprozesse, Spiegel der Widersprüchlichkeit.

Uta

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