Wenn ich, was ich gelegentlich gerne tue, meine alte Tante Edeltraud besuche, verbringen ich ein oder zwei Abende mit meinem Cousin Martin und seine Frau Lisa. Manchmal gehen wir in die Dorfkneipe - deren Publikum erstaunlich weltoffen und weit gereist ist. In Dahn, einem kleinen Ort zwischen Nothweiler, Busenberg und Hinterweidental, gibt es keine Industrie. Die Schuhfabriken haben vor Jahren geschlossen. Sonst gibt es nur Wald, rote Felsen und Burgen. Manchmal gehe ich mit Martin und Lisa wandern. Richtig sympathisch geworden waren sie mir, nachdem sie einmal von Kiffererfahrungen erzählten und wir gemeinsame Erinnerungen an Demos in Berliner Hausbesetzertagen entdeckten. Schande über mich, früher hatte ich sie für genauso spiessig gehalten wie es meine Tante ist, die noch vor einigen Jahren eifrig für Stoiber schwärmte. Nein, man kennt Menschen nicht wirklich.
Neulich während einer Wanderung im schönen Pfälzerwald erzählte Lisa von einem Bekannten, der katholischer Priester ist, "aber ein ganz Lockerer". Gerade mache er eine Fortbildung, um als Militärseelsorger in Afghanistan arbeiten zu können. (Hmm, das wäre aus verschiedenen Gründen kein Job für mich). Aber manchmal sei er auch etwas seltsam. Sein neuester geistlicher Rat sei es, Bäume zu umarmen. Ein Tip von seiner sehr naturverbundenen Mutter. Ich vergesse zu fragen, ob das nicht als "heidnische Ketzerei" bestraft würde und sage begeistert: "Das ist das Vernünftigste, was ich je von einem Priester gehört habe!" Lisa guckt etwas pikiert. Schliesslich gehen die beiden jeden Sonntag in die Kirche. Ich umarme sogleich eine am Wegrand stehende schöne Kiefer, lasse die Energie fliessen, und spüre mich augenblicklich tief entspannt. "Tut gut, probier doch mal" sag ich zu Lisa, aber die kichert abwehrend und macht ein Foto von mir. Christen sind komisch.
Der geplante gemeinsame Ausflug ein paar Tage später fällt aus, weil sich bei den beiden Übernachtungs-Besuch angesagt hatte. Doch zu einem gemeinsamen Drink sollte ich unbedingt noch vorbeischauen, sagen sie. Martin hatte mich vorgewarnt, aber ... Der Besuch saß auf dem Sofa. Sein Körper war ganz in ein schwarzes Priestergewand gehüllt, was am Hals hoch geschlossen war und knapp über den Füssen aufhörte. Mit zusammen gepressten Knien und leicht gepreizten Beinen, die Füsse wie ein Teeniegirl einwärts gedreht, die Hände im Schoß übereinandergelegt, die Finger sich gegenseitig quetschend, erschien er wie die leibhaftige Verkörperung eines paranoiden Triebstaus. Mager und etwas nervös war er, der Blick freundlich aber wie hinter einer Schablone eingerastet.
Nein, dies war nicht der Baum-Umarmer, dies war ein anderer Bekannter, inzwischen in Hannover ansässig, und wie Martin gesagt hatte, der konservativsten katholischen Strömung angehörend. Er war einmal Landschaftsgärtner gewesen, hatte also einen anständigen Beruf gelernt. Wieso war er auf die schiefe Bahn gekommen? Aus enttäuschter Liebe? Aus Machtgier? fragte ich mich.
Dann forderte mich Martin auf, doch mal meine Meinung zu Religion zu sagen. "Willst du wirklich mir diesem Hass-Thema anfangen?" frage ich. "Wieso Hass-Thema? Doch, das interessiert uns". Nun gut.
"Ich bin der Überzeugung, daß Christentum und Religion überhaupt immer noch viel zu positiv gesehen wird. Die auf Schuldkomplex-Produktion aufgebaute Ideologieen dienen hauptsächlich dem Machterhalt partiarchaler Herrscheroligarchieen. Religionsfreiheit ist meiner Meinung nach nicht mit der im Grundgesetz verankerten allgemeinen Menschenwürde vereinbar. Wenn man das Recht des Individuums auf Respekt und Unversehrtheit respektiert ..."
"Das ist ein gutes Stichwort" wirft der Priester ein. "Es gilt, die individuellen Rechte der ungeborenen Föten zu respektieren ..."
"Dieses Thema möchte ich erstmal ausklammern" sage ich, und Martin nickt. "Das Rechts des Individuums auf Unversehrtheit beeinhaltet das Recht jedes Kindes auf eine von körperlicher und psychischem Terror und Verstümmelung freie Entwicklung. Religiöse Ideologie und Rituale sollten - wie andere jugendgefährdende Praktiken - zur Sache von Erwachsenen erklärt werden. Indoktrination von Kindern gehört verboten.
Jedoch sind es nach wie vor die grossen monotheistischen Religionen, die in Theorie und Praxis genau zu diesen seelischen Verstümmelungen führen. Sie produzieren angstbesetzte, mit ihren Körpern in Feindschaft lebende, Feindbild-projezierende Menschen, welche nur allzu oft vernünftigen Lösungen der Probleme auf der Welt entgegenarbeiten."
Der Priester sah sich alsdann genötigt, etliche zur genüge bekannte Ideologiebaukasten-Teilchen aus der Mottenkiste zu holen, die ich euch hier ersparen möchte. Wissenschaftliche Erkenntnisse z.B. der Entwicklungsbiologie seien gefälscht. Nunja, für eine Diskussion gab es schlicht keine Grundlage. Dieser paranoid-klemmige Typ beansprucht die Autorität, "im Namen des Herrn" zu spechen und darf damit auf Jung und Alt losgehen. Unfassbar.
Martin schenkte Lisa und mir Wein nach, der Priester hatte außer einem Schnaps zu Beginn nichts trinken wollen.
"Du mußt verstehen, ihre Mutter war Zeugin Jehovas ..." sagte Martin etwas entschuldigend zu dem Mann in Schwarz. Aber sonst nichts. Auch Lisa bewegte nur gelegentlich den Kopf als wollte sie sagen "Das ist alles nicht einfach". ... man kann ja auch nicht wissen, was im Dorf - oder im Jenseits - so geredet wird. Menschen sind komisch.
Der Priester verschwand ein paar Minuten später im Bad, und ich verabschiede mich mit Dank für den Wein und den interessanten Abend, der mich sowohl in der Frage "Wie steht es heute um Aufklärung und Emanzipation" als auch im meinem Hunger auf bösen Metal upgedatet bzw. beflügelt hat.
Am nächsten Morgen fuhr mich Martin zum Bahnhof. "Du darfst das nicht so eng sehen" sagte er zu mir. "Sei doch mal ein bißchen open-minded!"
Uta
10 / 2008